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Zeit für Freiheit

12.12.11 10:56

Von: nadia Hamouda

Sechs Monate waren seit den Aufständen und der darauf folgenden Flucht des Präsidenten in Tunesien vergangen und ich war neugierig. Neugierig auf ein neues, freies Tunesien. Endlich gelandet, suchte ich in der Wartehalle nach meiner Familie, die mich abholen sollte. Ich sah mich um und war erst mal irritiert: ‚Frei‘ sah es hier nicht aus! Die wenigen anwesenden Frauen waren verschleiert, an das war ich mich nicht gewöhnt.

 

In Tunesien trugen bisher fast nur die älteren Frauen Kopftücher. Dass sich jetzt auch die junge Generation dazu entschieden hatte, war neu. Als ich meine Familie endlich entdeckt hatte, gab es eine lange und besonders herzliche Begrüssung und die nächste Überraschung. Trotz der erdrückenden Hitze trugen meine Cousinen lange Hosen, was ungewöhnlich war, da meine Cousinen nicht gerade sehr religiös waren, was Verschleierung betrifft. Wir alle verachteten die Strenggläubigen, welche Frauen weniger Rechte zugestanden als Männern. Auch wenn der Mangel an Shorts nichts Weltbewegendes war, bereitete es mir trotzdem Kopfzerbrechen. Denn der nächste Schritt konnte um einiges grösser sein. Abgesehen von den verstärkten religiösen Ansichten, waren wie Menschen auch ängstlicher geworden. In den Jahren zuvor, war es in den Strassen Tunesiens nie ruhig geworden. Zu jeder Zeit waren Menschen unterwegs, doch in diesem Sommer leerten sich die Strassen schon bei Anbruch der Dunkelheit. Es wurden Geschichten über nachts ausgeraubte Wagen erzählt und Verbrechen, die die Städte unsicher machten. Die meisten dieser Geschichten waren von sehr weit hergeholt.

Was ich in diesem Sommer sah, gefiel mir nicht. Tunesien war nicht mehr das, was es einmal war. Aber ich wusste auch, dass Freiheit einen Preis hat, welchen man nun mal bezahlen muss. Auch wenn einiges schief geht, sollte man nicht vergessen, dass dem Tunesischen Volk 30 Jahre lang die Freiheit vorenthalten wurde. Es braucht Zeit, bis die Tunesier ihren Weg finden, mit der Freiheit umzugehen. Mir ist klar,dass bis dahin ein langer Weg vor dem Land liegt. Meine grösste Befürchtung ist, dass Islamisten an die Macht kommen, denn dies wäre eher ein Schritt zurück als vorwärts. Bei meinem vierwöchigem Aufenthalt habe ich oft den Satz „Unter Ben Ali war mussten wir wenigstens keine Angst haben um unsere Sicherheit oder den Islamisten.“ Dieser Satz schockierte mich immer wieder, denn auch wenn die Situation schwierig erscheint, sollte man nicht vergessen, dass Tunesien jetzt endlich nach 30 Jahren ein freies Land ist.

In wenigen Tagen stehen Wahlen an in Tunesien, mit diesen Wahlen wird dann auch die Zukunft des Landes beschlossen. Ich hoffe, dass das tunesische Volk die richtige Entscheidung trifft und den bedeutenden Schritt zur ‚Freiheit‘ macht.